
Digitale Identitäten sind das Rückgrat moderner Online-Interaktionen. Mit zunehmender Verbreitung von eGovernment, digitalen Zertifikaten, eID-Lösungen und dezentralen Identitätsmodellen steigt die Abhängigkeit von Kryptografie für Authentisierung und Signaturen. Gleichzeitig macht der Fortschritt bei Quantencomputern klassische asymmetrische Verfahren wie RSA und ECC in Zukunft angreifbar. Das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) empfiehlt deshalb, spätestens ab 2031 quantenresistente Verfahren für Authentisierung und Signaturen einzusetzen. Dieser Artikel erläutert, warum digitale Identitäten quantenresistente Kryptografie brauchen, welche technischen und organisatorischen Schritte erforderlich sind und wie Kryptoagilität als strategischer Rahmen den Übergang sicher und kontrolliert ermöglicht.
Quantencomputer lösen bestimmte mathematische Probleme deutlich schneller als klassische Computer. Insbesondere Algorithmen wie Shor können die Faktorisierung und das diskrete Logarithmusproblem in polynomieller Zeit lösen. Viele heute verwendete Public-Key-Verfahren für Signaturen und Schlüsselaustausch beruhen genau auf diesen Problemen. Das bedeutet: Hat ein Angreifer in der Zukunft Zugriff auf ausreichend leistungsfähige Quantenhardware, könnte er private Schlüssel aus öffentlichen Schlüsseln rekonstruieren – und damit Identitäten fälschen, Signaturen brechen oder vertrauliche Schlüssel ableiten.
Digitale Identitäten sind besonders kritisch, weil sie lange Lebensdauern haben können. Ein Zertifikat, ein elektronischer Ausweis oder langfristig archivierte Signaturen müssen oft über Jahre oder Jahrzehnte nachvollziehbar und vertrauenswürdig bleiben. Selbst wenn ein Quantenangriff erst in einigen Jahren praktisch wird, können heute aufgezeichnete signierte Daten später nachträglich kompromittiert werden. Diese Eigenschaft nennt man „Harvest now, decrypt later“ – Angreifer speichern heute Verkehr, um ihn später mit Quantenressourcen zu entschlüsseln.
Post-Quanten-Kryptografie (PQK) umfasst kryptografische Verfahren, die auch gegen bekannte Quantenalgorithmen resistent sind. Hierzu zählen hauptsächlich auf Gitterproblemen, Code-basierten, Multivariaten oder Hash-basierten Konstrukten beruhende Verfahren. Institutionen wie das National Institute of Standards and Technology (NIST) haben in den letzten Jahren Kandidaten evaluiert und erste Standards veröffentlicht. Für Signaturen und Schlüsselaustausch gibt es bereits praxiserprobte Algorithmen, die den Übergang ermöglichen.
Wichtig ist zu verstehen, dass PQK andersartige Eigenschaften hat: Schlüsselgrössen sind oft grösser, Signaturen können grösser sein und Performanz sowie Implementationskomplexität variieren. Deshalb ist ein direktes 1:1-Ersetzen nicht trivial. Hybridlösungen, die klassische und quantenresistente Verfahren kombiniert verwenden, sind deshalb ein bewährter Übergangsmechanismus. Solche Hybride sollten so entworfen werden, dass die Sicherheit nicht von einem einzelnen Verfahren abhängt.
Kryptoagilität bedeutet die Fähigkeit einer Organisation, Kryptosysteme schnell und kontrolliert zu wechseln. Für die Absicherung digitaler Identitäten ist Kryptoagilität kein Nice-to-have, sondern eine Voraussetzung für Resilienz. Der BSI-Aufruf, spätestens ab 2031 quantenresistente Verfahren zu nutzen, unterstreicht die Notwendigkeit, jetzt zu planen und umzusetzen.
Die Migration von Identitätsinfrastrukturen stellt spezifische Herausforderungen. Elektronische Ausweise, öffentliche Schlüsselinfrastrukturen (PKI), Smartcards und HSMs sind oft in Silos organisiert. Erfolgreiche Massnahmen sind:
| Zeitraum | Massnahme | Priorität |
|---|---|---|
| Jetzt – 2026 | Vollständiges Krypto-Inventar; Risikoanalyse; Piloten für hybride Algorithmen | Hoch |
| 2026 – 2028 | Test von PQK-Implementationen in Test- und Staging-Umgebungen; Anpassung von PKI-Richtlinien | Hoch |
| 2028 – 2030 | Rollout für kritische Systeme; Hardware- und Smartcard-Upgrade-Pläne; Schulung des Betriebs | Sehr hoch |
| 2030 – 2031 | Komplette Migration kritischer Authentisierungs- und Signaturpfade auf PQK oder hybride Lösungen | Sehr hoch |
| 2031 und später | Kontinuierliche Überwachung, Updates gemäss neuen Standards | Laufend |
Technische Lösungen alleine reichen nicht. Institutionen müssen klare Governance-Mechanismen, Budgetplanung und Stakeholder-Management etablieren. Wichtige Punkte sind:
Ein pragmatischer Ansatz kombiniert technische Pilotprojekte mit gezielter Governance. Beginnen Sie mit Hochrisiko-Bereichen wie staatlichen Identifikationssystemen, kritischen Infrastrukturen und langzeitarchivierter Signatur. Von dort aus kann man schrittweise auf breitere Anwendungsfälle ausrollen.
Beim Übergang zur quantenresistenten Kryptografie treten wiederkehrende Fehler auf, die vermeidbar sind:
Vermeiden Sie Insellösungen. Ein koordinierter, föderierter Ansatz mit klaren Standards und Interoperabilitätsvorgaben sorgt für Nachhaltigkeit.
Praxisbeispiel: Ein Kantonalamt das Zertifikatsarchitektur, Smartcard-Hardware und Archivierung gemeinsam geplant hat, konnte die Testphase in 9 Monaten abschliessen. Ein anderes Departement, das nur die Bibliothek von Algorithmen austauschte, stieß auf Performance-Engpässe und kompatibilitätsprobleme beim Browserzugriff.
Digitale Identitäten sind zentral für Vertrauen im digitalen Raum. Die Fortschritte in der Quanteninformatik machen klar: Der Status quo klassischer Kryptografie ist mittelfristig nicht sicher genug. Das BSI empfiehlt deshalb, spätestens ab 2031 quantenresistente Verfahren für Authentisierung und Signaturen einzusetzen. Der nötige Übergang verlangt mehr als einen einfachen Algorithmuswechsel. Organisationen brauchen Kryptoagilität – beginnend mit einem vollständigen Krypto-Inventar, Risikobewertungen, Pilotprojekten mit hybriden Lösungen sowie klarer Governance und Budgetierung. Technische Anpassungen an PKI, eID, HSMs und Archivierung sind ebenso zentral wie Schulung und Lieferantenmanagement. Wer jetzt proaktiv plant und priorisiert, schützt langfristig digitale Identitäten und vermeidet später hohe Kosten und rechtliche Risiken. Kurz: Migration auf quantenresistente Kryptografie ist nicht optional, sondern eine strategische Notwendigkeit, die systematisch, getestet und governance-gestützt umgesetzt werden muss.







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